Unter dem Titel PRETEND FRIEND zeigen Jagoda Bednarsky und Felix Kultau erstmalig gemeinsam und teils neue, für die Duo-Ausstellung entstandene Arbeiten. Im Medium der Malerei (Bednarsky) und der Skulptur (Kultau) bearbeiten die Künstler*innen Geschlechterrollen und Rollenklischees.

Bei Jagoda Bednarsky ist dies das Bild der Frau und Mutter, welches in ihrer Shadowland-Werkserie konkrete Form annimmt: Hügellandschaften aus Brüsten und Milchpumpen, Vaginas, Darstellungen von Flora und Fauna, Figuren aus der griechischen Mythologie. Motiv- und titelgebend ist die 1919 in New York erstmalig erschienene Kulturzeitschrift „Shadowland“, welche neben Beiträgen zu Bildender Kunst, Film, Tanz und Theater auch Art déco Illustrationen, Karikaturen, Fotografien und Gedichte versammelte.

Jagoda Bednarskys Kompositionen setzen sich aus vielfältigen Vorlagen und Bildelementen zusammen, die auf einer Bildebene gleichwertig nebeneinander gestellt sind. Angelehnt ist diese Art des Bildaufbaus an Bildschirmansichten und Smartphone-Displays, die vereinzelt auch ganz konkret in den Malereien auftauchen. Dabei besitzen ihre Arbeiten eine Leichtigkeit, die ihnen gleichsam Souveränität verleiht und einem zeitgenössischen Blick auf einen männlich geprägten Malereidiskurs gerecht wird. Bednarskys Darstellungen sind bisweilen voller Witz, Ironie und Spitzfindigkeit und karikieren tradierte Rollen- sowie Bildmuster. In der großformatigsten Arbeit der Ausstellung erreichen diese ihren Höhepunkt im Selbstbildnis der Künstlerin als Artemis, Göttin des Waldes und der Geburt, die hier als Hüterin der Frauen und Kinder auftritt. Dem gegenübergestellt ist das Portrait eines Gockels. In der überdimensionalen frontalen Konfrontation mit den Betrachter*innen wirkt er hier geradezu bedrohlich. Neben seiner in der Kunstgeschichte oft Verwendung findenden machistischen Symbolik lässt sich in dieser Art der Darstellung ein vaginaler Moment nicht verleugnen. Der sonst so hypermaskuline Hahn erfährt Emanzipation durch Transformation und spielt mit der vermeintlichen Dualität der Geschlechter. Daneben setzt sich die Künstlerin erneut selbst ins Bild in Form eines FaceTime-Portraits.

Die hier gezeigten Arbeiten von Felix Kultau kreieren demgegenüber stereotype Bilder von Maskulinität: Seine im Raum stehenden Lichtskulpturen aus in Beton gegossenen Proteinpulverdosen, verchromten Stahlstangen und Neonröhren evozieren Assoziationen mit dem Bodybuilding: in ihrer Form erinnern sie an Trainingsgeräte oder auch der Optimierung unterworfene Körperkonstruktionen. Felix Kultau arbeitet vorwiegend mit kühlen, industriellen sowie vorgefundenen Materialien, deren Fetischcharakter durch den Einsatz des Künstlers betont wird. In ihrer vermeintlichen Glattheit weisen sie jedoch immer wieder Spuren von Zerfall und Verletzlichkeit auf. Die Spindtüren sind eine Weiterführung seiner Werkserie aus Überseecontainertüren. In der Ausstellung fügen sie sich ein in die Idee des Fitnessstudios, sind jedoch im Gegensatz zu den demonstrativen, großgestischen Chromskulpturen vielmehr Ausdruck von Privatheit und Verschlossenheit, wie sie auch als – durch das Genre des Highschool-Films geprägte – Sinnbild für die Adoleszenz stehen.

Als letztendliche Auswirkung von männlicher Macht- und Gewaltphantasie sehen sich die Betrachter*innen daneben mit einer massiven Holzskulptur konfrontiert: Eine bis ins Detail inszenierte Spur von Krafteinwirkung weist die Bruchstelle des Holzbalkens auf. Die gleichsam brachialen wie auch zerbrechlichen Skulpturen Felix Kultaus strahlen eine innerliche Zerrissenheit aus, ganz im Sinne des Fragmentkörpers nach Klaus Theweleit. „Dieser Körper, den ich Fragmentkörper nenne, hält zum Beispiel Gleichheit nicht aus – ob das Gleichheit mit Frauen ist, Gleichheit mit Kindern“ [1], schreibt er in seinem Hauptwerk „Männerphantasien“ von 1977, welches nun 40 Jahre später durch unveränderte oder sogar verstärkt wieder aufkeimende Relevanz neu aufgelegt wurde. In seinen Überlegungen zum Fragmentkörper sieht er die Angst vor der Körperauflösung als Ursache für die Herausbildung von Hierarchien, Faschismus, Machtmissbrauch und Gewalt: „Und dieser Fragmentkörper versucht seine Probleme, mit denen er psychisch integrativ nicht umgehen kann, durch Gewalt zu lösen. (…) Dieser Typ will die Gesellschaft hierarchisch organisiert haben, mit klar oben und klar unten und der eigenen Position da drin. Und oben in diesem Konstrukt sind für diesen Typ Männer, ist eine bestimmte Männlichkeit.“[2]In der Duo-Ausstellung von Jagoda Bednarsky und Felix Kultau findet diese Dualität von tradierten Geschlechterrollen Ausdruck – Hypermaskulinität und Machismus vs. Matriarchat und Mutterschaft – und wird doch gleichzeitig immer wieder durchbrochen und irritiert. Die Arbeiten der beiden Künstler*innen ergänzen, zitieren oder kommentieren sich gegenseitig. Sie koexistieren im analogen und digitalen Raum, ganz so als würden sie im Zusammenspiel ihre eigene Position verteidigen. Als pretend friend („unsichtbarer Freund“) beweisen sie Unabhängigkeit und sind doch gleichsam durch das Wissen um die Existenz des Anderen befruchtend. Die Hierarchien werden aufgehoben, der Geschlechterkampf versiegt.

Let's stay friends, she said.

Durch die aktuell veränderten und erschwerten Rahmenbedingungen des Ausstellens und Zeigens wird PRETEND FRIEND auch im virtuellen Raum für das Publikum zugänglich sein auf einer für diesen Kontext angelegten Webseite: www.pretendfriend.de

Text: Miriam Bettin

[1] Klaus Theweleit, „Die Angst vor der Körperauflösung. Klaus Theweleit im Gespräch mit Liane von Billerbeck“ (Deutschlandfunk Kultur vom 01.11.2019). URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/klaus-theweleit-ueber-maennerphantasien-die-angst-vor-der.1008.de.html?dram:article_id=462394 (Stand: 04.04.2020).[2] Ebd.